Spätabends in Paris, am 23. November 1654 gegen halb elf. Es ist dunkel draußen, die Gaslaternen sind noch nicht erfunden. Drinnen nur das Flackern von Kerzenlicht an den Wänden. Blaise Pascal, 31, sitzt allein in seinem Zimmer. Er ist eine Koryphäe der Wissenschaft, ein Pionier der Wahrscheinlichkeitstheorie.
Jetzt sitzt Pascal nur da, allein mit sich selbst, und starrt ins Nichts.
Aus diesem Nichts überkommen ihn große Gefühle, lebensverändernd große. Er greift zur Feder, schreibt immer wieder das Wort "FEUER" aufs Pergament, unterstreicht es mehrfach. Was er empfindet, ist ungeheuer. Er schreibt "Gewissheit. Freude. Empfinden. Friede". Dieses Stück Papier näht er später in das Futter seines Rocks ein, als Erinnerung an diesen Moment.
Lange nach dieser besonderen Nacht formuliert Blaise Pascal einen der berühmtesten Sätze der Philosophiegeschichte: "Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen."
Pascal wusste, wovon er sprach. Er war selbst ein Gschaftler, ein rastloses Wunderkind. Mit 16 revolutionierte er die Geometrie. Er erforschte das Vakuum. Er erfand die erste mechanische Rechenmaschine. Nebenbei focht er die Dogmen der Kirche an. Ein paar Jahre vor seinem frühen Tod im Jahr 1662 stellte er das erste öffentliche Nahverkehrsnetz der Welt auf die Beine, die carrosses à cinq sols in Paris, Vorläufer der heutigen Busse, gezogen von Pferden.
So viel leistet niemand, der in sich ruht. Pascal war ein Getriebener, immer auf der Jagd nach dem nächsten Triumph, nach Anerkennung, nach Ablenkung. Bis zu jener Feuernacht, in der es ihm gelang, es ein paar Stunden mit sich selbst auszuhalten.
Stellen Sie sich vor, da ist ein Mensch, der Ihnen ständig auf der Pelle sitzt, jahrelang, jahrzehntelang. Er folgt Ihnen überallhin, liegt Ihnen in den Ohren, belehrt Sie, korrigiert Sie, beleidigt Sie manchmal sogar. Er lässt seine Launen an Ihnen aus. Ihm können Sie nichts vormachen. Er durchschaut Sie. Dieser Mensch sind Sie selbst.
Natürlich ist es unangenehm, dauernd mit jemandem zusammen rumhängen zu müssen, den man gar nicht richtig kennt. Sie haben die Wahl: Sie können die Anwesenheit dieses Menschen als notwendiges Übel nehmen, als einen lästigen Bekannten, der halt immer dabei ist – so wie Blaise Pascal, der Rastlose. Oder Sie wenden sich ihm zu, so wie Pascal allein in seinem Zimmer.
Alleinsein ist eine Kunst, die in Vergessenheit gerät. Psychologen der University of Michigan schrieben im Februar 2025 in einer Studie über das "Einsamkeitsparadox": Demnach stellen die Medien den Zustand des Alleinseins überwiegend negativ dar. In den Berichten ist fast immer davon die Rede, wie schädlich Alleinsein sei, und fast nie von dessen Segen. Einsamkeit sei so schädlich wie Rauchen oder Alkohol, fördere Diabetes, Demenz, Depression und Herzkrankheiten. Alle warnen vor der "Einsamkeitsepidemie". Die britische Regierung hat im Jahr 2018 den Posten einer "Einsamkeitsbeauftragten" geschaffen. Das deutsche Familienministerium hat eine "Strategie gegen Einsamkeit" entwickelt.
So wird Alleinsein zum Stigma. In Gesellschaften, in denen eine negative Grundhaltung gegenüber dem Alleinsein verbreitet ist, fühlen sich die Menschen besonders einsam. Die "Einsamkeitsepidemie" wird zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Weil wir pausenlos vor Einsamkeit gewarnt werden, haben wir verlernt, zu unterscheiden: Es gibt die schmerzhafte, unfreiwillige Einsamkeit und das gewählte, wohltuende Alleinsein. Welchen dieser zwei Zustände ein Mensch erlebt, hängt nicht nur von seiner sozialen Situation ab, sondern auch von ihm selbst. "Einsamkeit hat nicht nur mit unseren Beziehungen zu anderen Menschen zu tun", sagt der Psychologe Ethan Kross, Mitautor der Michigan-Studie, "sie hat auch mit unserer Beziehung zu unserer Zeit des Alleinseins zu tun."
Die Furcht vor der Stille ist die Kraft, die uns immer wieder zum Smartphone greifen lässt – und das Smartphone befeuert diese Furcht weiter. Mit dem Gerät in der Hand sind wir nie richtig allein und können nie richtig beisammen sein.
Einsamkeit entsteht aus einer Diskrepanz zwischen den Beziehungen, die ein Mensch hat, und den Beziehungen, die er sich wünscht. Diese Diskrepanz kann auch inmitten von Menschen auftreten, vielleicht in einem vollen Café, umgeben von Hunderten Online-"Freunden". Einsamkeit ist unfreiwillig, ein schmerzlicher Mangel – schmerzlich im wörtlichen Sinn. Bei Einsamkeit sind dieselben Gehirnregionen aktiv wie bei körperlichem Schmerz, zeigen bildgebende Studien. Chronische Einsamkeit fördert Stress und Entzündungen, schwächt das Immunsystem und ist ein Risikofaktor für Herzerkrankungen, Schlaganfälle und Demenz.
Einsamkeit ist ein subjektives, negatives Gefühl. Alleinsein dagegen ist objektiv: niemand da, nur ich selbst. Alleinsein kann Mangel sein, beispielsweise im Gefängnis. Oder Fülle, etwa im Kloster. Wer im Alleinsein stets nur den Mangel sieht, wird die Fülle nicht finden. Wenn das Leben ihn dann – durch einen Umzug, eine Trennung, eine Pandemie – dazu zwingt, äußerlich allein zu sein, gerät sein innerer Raum aus den Fugen. Der Zustand kippt unweigerlich in toxische Einsamkeit.
Die Fähigkeit, mit sich allein zu sein, ist daher die beste Prävention gegen die Einsamkeit. Dieser Zusammenhang ist auch durch empirische Studien belegt: Menschen, die gelernt haben, Alleinsein positiv zu erleben, fühlen sich deutlich weniger einsam, auch wenn sie objektiv viel Zeit allein verbringen. Wenn es gut läuft, ist Alleinsein das Gegenteil von Einsamkeit.
Wie geht das? Wie gelingt es, den Raum, in dem wir nur mit uns selbst sind, nicht als Gefängnis, sondern als Ort der Geborgenheit zu erleben, als Heimat? Die Antwort liegt, vielleicht unerwartet, in den Beziehungen zu anderen Menschen. Es wird viel darüber geredet und geschrieben, was eine gute Beziehung ausmacht: eine erfüllende Partnerschaft, eine beständige Freundschaft, eine liebevolle Eltern-Kind-Beziehung. Manchmal vergisst man darüber die wichtigste und längste Beziehung, die ein Mensch führt: die zu sich selbst.
Warum kommen manche Menschen besser mit sich selbst aus als andere? Dieser Frage ging der englische Kinderarzt Donald Winnicott in den 1950er-Jahren nach. Er arbeitete während und nach dem Zweiten Weltkrieg mit Kindern und Müttern. Darunter waren viele Kinder, die durch den Krieg ihre Eltern verloren hatten. Donald Winnicott begleitete sie über Jahre, um zu verstehen, wie die frühen Bindungen eines Menschen sein späteres Leben prägen. Ihm fiel auf, dass die Fähigkeit, in der Stille mit sich allein zu sein – als etwas Positives, nicht als Angst oder pathologischer Rückzug –, in der Fachliteratur kaum behandelt worden war. Frühere Psychoanalytiker hatten zwar viel über die Angst vor dem Alleinsein geschrieben, aber wenig über die gesunde Fähigkeit dazu. Winnicott prägte den Begriff von der capacity to be alone: der Fähigkeit, allein zu sein. Seine wichtigste Erkenntnis dazu ist scheinbar widersinnig: Diese Fähigkeit entsteht durch gute Erfahrungen mit anderen Menschen.
In seiner Arbeit mit Kriegskindern beobachtete Winnicott, dass die Fähigkeit, allein mit sich selbst auszukommen, nicht angeboren ist. Kinder lernen sie in Anwesenheit der Mutter. Stellen Sie sich ein Kleinkind vor, das auf dem Boden sitzt und spielt, während die Mutter ruhig im selben Raum liest oder Tee trinkt. Das Kind ist in sein Spiel vertieft – und doch ist da diese verlässliche Präsenz im Hintergrund. Die Mutter schaut nicht ständig hin, korrigiert oder mahnt nicht. Sie ist einfach da. In dieser Situation erfährt das Kind laut Winnicott ein Gefühl von Sicherheit, auch wenn es gerade keinen direkten Kontakt zur Bezugsperson hat. Es lernt, dass alles in Ordnung ist, auch wenn gerade niemand nach ihm schaut. Es verinnerlicht dieses Gefühl der Geborgenheit. Nun kann es sich anderen Menschen verbunden fühlen, auch wenn sie gerade nicht physisch anwesend sind.
Dieser Prozess ist keine Hexerei. Donald Winnicott sprach von der good-enough mother: einer Mutter, die nicht perfekt sein muss, aber verlässlich und einfühlsam genug ist, um ihrem Kind ein Urvertrauen zu vermitteln. Im Kind wächst die Gewissheit: "Ich kann auch allein sein, ohne mich verlassen zu fühlen."
Im Gegenzug neigen auch Menschen, die in ihren frühen Jahren wenig Zuwendung und Anerkennung erfahren haben, dazu, diese Erfahrungen zu verinnerlichen. Sie entwickeln eher ein negatives Selbstbild. "Du bist nichts wert" – diese Botschaft der anderen bleibt hängen. Sie wird verinnerlicht zu: "Ich bin nichts wert". Wer so durchs Leben geht, sehnt sich vielleicht nach Liebe, aber wenn ein anderer Mensch dieser Person mit Liebe begegnet, reagiert sie mit Misstrauen und Zurückweisung. Sie denkt: "Wie kann dieser Mensch mich wirklich lieben, sieht er nicht, dass ich im Grunde ein schlechter Mensch bin?" Wer sich selbst nicht mag, ist schneller einsam.
Spätere Psychologen haben die Einsicht von Donald Winnicott bestätigt: Kinder mit sicherer Bindung entwickeln eine deutlich bessere Fähigkeit, allein zu sein. Für Kinder mit unsicherer Bindung ist Alleinsein mit existenzieller Angst verbunden. Es ist ein Echo früherer Momente, in denen die Bezugsperson nicht für sie da war.
Die Fähigkeit, allein zu sein, ist mit den Erfahrungen als Kind nicht in Stein gemeißelt. Es ist später noch möglich, Selbsthass zu überwinden. Die Fähigkeit, allein zu sein, lässt sich auch im Erwachsenenalter entwickeln. Menschen, die Schwierigkeiten haben, ihre Verlassenheitsängste zu überwinden, können in einer Therapie lernen, innere Sicherheit aufzubauen.
Der Weg, gute Beziehungen zu anderen Menschen zu finden, ist der Weg zu einer guten Beziehung zu sich selbst – es ist derselbe Weg. Pflegen Sie diese spezielle Beziehung zu sich selbst. Gehen Sie mal allein mit sich essen. Nur Sie und Sie. Besuchen Sie mit sich ein Museum. Machen Sie mit sich lange Spaziergänge. Reden Sie mit sich. Was man so tut, um einen Menschen kennenzulernen. Nicht zu viel auf einmal, es muss nicht gleich ein ganzer Urlaub allein sein. Seien Sie nett zu sich. Vielleicht sind Sie schüchtern. Am Anfang mag es sich noch fremd anfühlen, so ganz allein mit sich selbst. Dafür gibt es keine Differenzen bei den Interessen, und die Terminabsprachen sind einfacher. Unternehmungen mit sich selbst sind kein Mangel, sondern Souveränität: "Ich tue das gern allein mit mir."
Wer ein gutes Verhältnis zu sich selbst hat, kann die Rolle seiner ersten Bezugspersonen übernehmen: sich beruhigen, sich trösten, sich ermutigen. Die Psychologin Thuy-vy Nguyen hat in ihren Studien zum Alleinsein einen "Deaktivierungseffekt" beobachtet: Wer allein und ohne Ablenkung eine Viertelstunde ruhig dasitzt, kann Emotionen wie Wut oder Nervosität deutlich reduzieren. Diese Wirkung hielt in den Studien manchmal eine ganze Woche lang an. Nicht durch Small Talk, sondern durch Alleinsein beruhigt sich das aufgewühlte Gemüt. Alleinsein ist der Aus-Knopf für die unablässige Stimulation durch die Aufmerksamkeitsökonomie – für all die Empörung, den Neid, die Angst, etwas zu verpassen. Aus FOMO (fear of missing out) wird JOMO (die Freude, joy, etwas zu verpassen).
weitere Informationen: https://www.zeit.de/zeit-wissen/2026/01/selbstliebe-einsamkeit-gefuehle-emotion-verarbeitung-reflektion
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